Pädagogisches Konzept Waldakademie Vosswinkel e. V.

Der Wald war schon immer wichtig für den Menschen und aktuell wird er immer wichtiger. Vor allem angesichts des Klimawandels und der schwindenden Biodiversität rückt er immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Erneuerbare Energien aus Holz und die Verwendung von Holzprodukten können den CO2 Ausstoß vermindern und den Klimawandel positiv beeinflussen. Bäume filtern die Luft und kühlen sie. Sie mindern den Lärm, binden CO2 und liefern Sauerstoff. Sie verhindern Bodenerosion, speichern Wasser, bieten Nahrung und sogar Medizin. Wälder sind lebenswichtige Rückzugsräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Diese Funktionen werden künftig, vor allem in Städten, immer wichtiger werden. Gerade deshalb ist es so drängend, dafür ein Bewusstsein zu schaffen: Jeder Mensch kann durch sein Verhalten dazu beitragen, die Natur für zukünftige Generationen zu erhalten.

Die zunehmende Technisierung und Digitalisierung der Gesellschaft, der steigende Termindruck, mangelnde Bewegung und eine unausgewogene Ernährung – in einer für Menschen ungünstigen Umgebung – führt zu einer zunehmenden Naturentfremdung. Dies ist besonders bei Kindern zu beobachten. Bei ihnen müssen, im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Kompetenzen gefördert werden, die sie dazu befähigen, gestärkt ihren Lebensweg zu meistern und gesund aufzuwachsen.

Aktuelle Studien belegen, dass sich ein Aufenthalt im Wald positiv auf das psychische und physische Wohlbefinden des Menschen auswirkt und auch das Umweltbewusstsein fördert.

Die Waldakademie Vosswinkel e. V. greift diese aktuellen lokalen und globalen Themen auf und versucht durch verschiedene Angebote, den kleinen und großen Besuchern die Schönheit der Natur, aber auch ihre Zerbrechlichkeit, hier und anderswo nahezubringen.
Durch die Vermittlung von Zusammenhängen im Bereich Ökologie, Ökonomie und Soziales, können – im Sinne einer BNE -, die Kompetenzen der Besucher,
so gefördert werden, dass sich ihr ggf. verändertes Verhalten positiv auf das eigene Umfeld und letztlich die ganze Welt auswirkt.

Die Waldakademie Vosswinkel e. V. ist im WILDWALD VOSSWINKEL angesiedelt. Er ist Teil des Lüerwaldes und ein alter Mischwald, der seit Jahrhunderten von der Familie von Ketteler-Boeselager bewirtschaftet wird. Durch seine lange Geschichte, der Nutzungsform als Jagdgatter, geprägt durch Köhlerei und Waldweide und der heutigen naturnahen Bewirtschaftung, bieten sich der Waldakademie sehr gute Möglichkeiten, den Menschen begreifbar zu machen, wie Entscheidungen in der Vergangenheit bis in die Gegenwart wirken.
Dabei entsteht die Erkenntnis, dass die Menschen heute für die Welt von Morgen verantwortlich sind und durch ihre Entscheidungen im Konsum- und Ernährungsverhalten, in der Wahl ihrer Fortbewegungsmittel, der Energieträger und dem sozialen Miteinander, die Weichen für die Lebensbedingungen der zukünftigen Generationen weltweit stellen werden.
Rund 250 ha im Lüerwald sind durch den WILDWALD für den Waldbesuch erschlossen. Zu den hier lebenden Tierarten, die von den Besuchern beobachtet werden können, zählen neben zahlreichen Wildvogelarten, Säugetieren, Amphibien und Reptilien auch Großwildarten wie Rotwild, Damwild, Europäischer Mufflon, Wildschweine, sowie Uhu, Waldkauz, Marderhunde, Wildkatzen und Eichhörnchen.
Angeleitet durch die WaldlehrerInnen wird die Begeisterung der BesucherInnen mit spielerischen Aktivitäten und Beobachtungsangeboten für die heimische Natur geweckt. Oft werden die Menschen so empathisch, dass sie daraufhin auch bei sich zu Hause vor der Haustür die Natur unterstützen und schützen möchten. Die Waldakademie bildet die WaldlehrerInnen in dieser Hinsicht aus, damit sie u. a. wertvolle Tipps zur naturnahen Gartengestaltung, dem Anbau und der Ansaat von Futterpflanzen sowie Bauanleitungen für Nistkästen geben können.
Auf dem Gelände im Eingangsbereich und auf dem Haarhof werden außerdem Shropshire-Schafe, Minischweine, Pommerngänse, Ziegen, Hühner, Esel und die seltenen Nutztierrassen Rotes Höhenvieh und Sattelschweine gehalten. Neben emotionalen Momenten beim Streicheln der Tiere werden aber auch sachliche Fragen aufgeworfen. Darf man noch ohne schlechtes Gewissen Fleisch essen? Was ist der Unterschied in der Haltung und Qualität zwischen einer traditionellen Landwirtschaft und einer Biohofhaltung? Wie ist die Jagd zu beurteilen? Wie kann ich meine Ernährung und mein Konsumverhalten ggfs. ändern, um „gesunde“ Entscheidungen nicht nur für mich, sondern letztendlich zum Wohle der gesamten Menschheit zu treffen. Der historische Haarhof bietet der Waldakademie für all diese Fragen und Themen ein gutes Ambiente. Auch für die Vermittlung alter Handwerksarten wie Körbeflechten, Besenbinden, Arbeiten mit Holz, Färben mit Pflanzenfarben usw. ist der alte Hof ein sehr authentischer Ort.
Weiterhin kann die Waldakademie auf verschiedene Angebote des WILDWALDes zurückgreifen und sie für die Bildung der nachhaltigen Entwicklung nutzen. Die Übernachtung in einer Waldhütte, mit auf dem Feuer gekochten Wildkräutern oder eine Nachtwanderung ohne Taschenlampe, die für Gruppen angeboten wird, geben viele Möglichkeiten die Sach-, Selbst- und Sozialkompetenz der TeilnehmerInnen (TN) zu fördern. Sich in völliger Dunkelheit zu orientieren oder sich am einem Feuer zu wärmen, das man ohne Streichhölzer entzündet hat, ist ein Abenteuer, das manchen Teilnehmenden aus der Komfortzone holen und lange nachwirken kann.
Nach einem Besuch in der Waldschule, die von der Waldakademie „bestückt wird“ und zum Selbstlernen einlädt, werden die Sinne geschärft und die Neugierde geweckt. Danach gehen die Besucher aufmerksamer durch den Wald und nehmen viel mehr Einzelheiten wahr. Derart sensibilisiert, werden ihnen auch in ihrer Wohngegend Veränderungen oder fehlende Natur auffallen.
Die Aktionen der Waldakademie stehen allen Menschengruppen offen.
Im pädagogischen Konzept der Waldakademie Vosswinkel e. V. werden die im Leitbild definierten Ziele der Bildungsarbeit umgesetzt. Diese berücksichtigen die Kriterien und Anforderungen der BNE.
Bei unseren Veranstaltungen aus dem Gruppenprogramm sowie bei den meisten Veranstaltungen des Jahresprogramms wird eine kritische Reflexion unserer Lebensweise angeregt. Hier stellt sich, je nach Thema der Veranstaltung, die Frage, welche Folgen unser Tun und Handeln für Umwelt und Entwicklung haben.
Die Vieldimensionalität einzelner Sachverhalte wird mit verschiedenen Methoden unter die Lupe genommen. Dies geschieht vorerst in unserem unmittelbarem Aktionsraum hier im WILDWALD. Zusätzlich wird der globale Bezug hergestellt, sodass sich neue Denkanstöße zur Auswirkung unseres Handelns auf der ganzen Erde ergeben.
Abschließend ist es uns wichtig, den Teilnehmenden in unseren Veranstaltungen aufzuzeigen, was sie selbst, bzw. wir alle zusammen, tun können, um negative Entwicklungstendenzen aufzuhalten. Vielleicht sind wir sogar in der Lage, diese zu beeinflussen, oder umzukehren.

Bei den Aktionen der Waldakademie werden verschiedene Methoden aus der Kräuter-, Natur-, Wildnis- und Erlebnispädagogik angewendet, um die Gestaltungskompetenzen nach de Haan zu fördern. Dabei wird versucht alle Lerntypen anzusprechen und im Zuge des Konstruktivismus viele verschiedene Zugänge zu einem Thema zu bieten. Es sollen die Sinne geschärft und die Wahrnehmung gefördert werden. Ökologische, ökonomische, kulturelle und soziale Dimensionen werden – je nach Veranstaltung – unterschiedlich angesprochen und gewichtet.

Je nach Alter, Bedürfnissen, Herkunft, Vorwissen der TN werden verschiedene Methoden eingesetzt. Ihre Selbst-, Sach- und Sozialkompetenzen werden im Sinne einer BNE durch Einzel-, Partner- oder Teamarbeiten, durch handlungsorientiertes, forschendes und experimentelles Lernen mit viel Spaß gefördert. Selbstverständlich gehen wir bei der Planung unserer Veranstaltungen auf jahreszeitliche Aspekte und Besonderheiten ein.

Der Anspruch an unsere waldpädagogischen Veranstaltungen liegt neben der Vermittlung von Kompetenzen aus dem Bereich der nachhaltigen Entwicklung natürlich in der Vermittlung von Artenkenntnissen und ökologischen Zusammenhängen.
Diese sollen aber nicht im Frontalunterricht, der aus dem Klassenraum einfach in den Wald verlegt wurde, entstehen, sondern durch eigenes Entdecken, Erleben und Nachempfinden. So ist es uns wichtig, dass Wald erlebbar und begreifbar wird und die Teilnehmenden einen emotionalen Bezug zu diesem Lebensraum und seinen Bewohnern bekommen. Wenn dieser emotionale Bezug durch eine begeisternde Erfahrung mit der Natur zustande gekommen ist, passiert Lernen und Verstehen von selbst.
Unterschiedliche Methoden wie Spiele (Selbsterfahrungsspiele, Gruppendynamikspiele oder Planspiele), Diskussionsrunden zu unterschiedlichen Themen oder die Wahrnehmung unterschiedlicher Details mit allen Sinnen, verhelfen zu Erkenntnissen. Am Ende einer waldpädagogischen Aktion haben die Teilnehmer eine ganze Menge an Artenkenntnissen, ökologischen Zusammenhängen und nachhaltigem Denken gelernt, ohne überhaupt gemerkt zu haben, wie viel sie gelernt haben.

Gerade bei Kindern werden das Selbstwertgefühl und ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie lernen ihre Stärken und Schwächen kennen. Bei Teamarbeiten erkennen sie, dass jeder Mensch besondere Fähigkeiten und Fertigkeiten hat und damit jeder seinen besonderen Platz im Team hat. Jeder ist einzigartig und wichtig!

Perspektivenwechsel im Wald hilft den Besuchern die Sicht eines anderen Menschen oder eines anderen Lebewesens einzunehmen und dessen Probleme in dessen Lebenswelt zu erkennen. Oft wird den Besuchern zum ersten Mal bewusst, dass ihre persönliche Lebensweise oder die ihrer Familie oder unserer Gesellschaft genau zu diesen Problemen beitragen. Das bringt sie zum Nachdenken. Sie reflektieren ihre Handlungsweisen und Entscheidungen und ändern oft ihr Verhalten im Sinne der nachhaltigen Entwicklung.

Naturerlebnis ohne Zäune zwischen Mensch und Tier